Wirksames Mittel gegen den Mangel an Hausärzten

05.11.2008 | Heidelberg
Ab 2009 bieten vier Verbünde in Baden-Württemberg Weiterbildungsstellen für Allgemeinmedizin an / „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin“ am Universitätsklinikum Heidelberg federführend

In Deutschland gibt es zu wenige Hausärzte. Nicht nur in den neuen Bundesländern, wo in ländlichen Regionen bereits Notstand herrscht, sondern auch in Baden-Württemberg zeichnet sich eine Mangelsituation ab. Bereits heute herrscht bei Hausärzten faktisch Niederlassungsfreiheit, da rund 70 Prozent der Planungsbereiche offen sind.

Eine neue Initiative soll nun helfen, den dringend benötigten Nachwuchs für die Hausarztpraxen zu rekrutieren: Ab dem 1. Januar 2009 wird in Baden-Württemberg erstmals für insgesamt 12 junge Ärztinnen und Ärzten eine organisierte Rotation durch die fünfjährige Weiterbildung zum Allgemeinmediziner angeboten. Das zukunftsweisende, in dieser gebündelten Form bundesweit einmalige Projekt der Weiterbildungsverbünde ist jetzt bei der Fachtagung „Zukunft der hausärztlichen Versorgung in Baden-Württemberg“ am 22. Oktober 2008 in Stuttgart vorgestellt worden, die gemeinsam vom „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg“ des Universitätsklinikums Heidelberg und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg veranstaltet wurde.

Organisiertes Weiterbildungsprogramm mit hohem Qualitätsanspruch

„Junge Ärzte, die Allgemeinmediziner werden wollen, müssen sich nicht mehr mühsam Weiterbildungsstellen in verschiedenen Kliniken suchen, sondern können fünf Jahre lang in Kliniken und Praxen einer Region ein für sie organisiertes Weiterbildungsprogramm mit hohem Qualitätsanspruch durchlaufen“, erklärte Professor Dr. Joachim Szecsenyi, Leiter des Heidelberger Kompetenzzentrums und der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg. Als erste Standorte stehen fest: Heidelberg, Mittelbaden (Baden-Baden, Rastatt), Kinzigtal und Villingen-Schwenningen; weitere sechs Verbünde sind in Planung.

Federführend hierbei ist die Arbeitsgruppe Weiterbildung des Heidelberger Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin, einem netzwerkartigen Zusammenschluss der fünf Universitätsklinika in Baden-Württemberg (Freiburg, Mannheim, Tübingen, Ulm, Heidelberg). Das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin hat zum Ziel, die allgemeinmedizinische Forschung und Lehre an den fünf Universitäten zu koordinieren und weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch die Entwicklung eines Curriculums, das die Weiterbildung der Assistenzärzte ausgestaltet, und Qualitätsanforderungen für die beteiligten Praxen und Kliniken eines Weiterbildungsverbundes definiert.

Dreieinhalb Jahre in der Klinik, 18 Monate in der allgemeinmedizinischen Praxis

Der grobe Rahmen der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, die mindestens 5 Jahre dauert, ist von der Ärztekammer vorgegeben. Im Rahmen der Verbundweiterbildung wird angestrebt, dass die Weiterbildungsassistenten 24 Monate in verschiedenen Abteilungen der Inneren Medizin, jeweils sechs Monate in zwei Wahlfächern wie z. B. Kinderheilkunde oder Neurologie, sechs Monate in einer chirurgischen Notfall-Ambulanz sowie 18 Monate in einer allgemeinmedizinischen Praxis verbringen .

„Für angehende Allgemeinmediziner ist es schwierig, Weiterbildungsstellen in einer Klinik zu finden, die sie speziell auf die Tätigkeit in der Praxis vorbereiten“, berichtet Dr. Stefanie Joos, wissenschaftliche Koordinatorin des Kompetenzzentrums. Denn hochtechnisierte Untersuchungen und anspruchsvolle Operationen in großer Zahl, wie sie für andere Facharztausbildungen erforderlich sind, sollten nicht zum Weiterbildungs-Curriculum Allgemeinmedizin gehören. „Außerdem wurden die allgemeinmedizinischen Weiterbildungsabschnitte in der Praxis bisher deutlich schlechter bezahlt als Weiterbildungsabschnitte in der Klinik“, so Dr. Joos. Dies soll sich mit den neuen gesetzlichen Regelungen in Bezug auf das Förderprogramm Allgemeinmedizin verbessern, so dass die Weiterbildung Allgemeinmedizin auch für Assistenzärzte wieder finanziell attraktiver wird.

Allgemeinmedizin sollte im Medizinstudium frühzeitig und fest verankert werden

Um dem Hausarztmangel entgegenzuwirken, muss nicht nur die Weiterbildung neu strukturiert und finanzielle Anreize gesetzt werden, lautete das Fazit der Stuttgarter Fachtagung. Die Allgemeinmedizin sollte auch zu einem frühen Zeitpunkt fest in das Medizinstudium eingebunden sein. Blockpraktika in auf die Lehre gut vorbereiteten Allgemeinmedizinpraxen gehören mittlerweile fest zum Curriculum an den Hochschulen in Baden-Württemberg. Das schon bestehende Angebot, ein Teil des Praktischen Jahres in der Hausarztpraxis zu absolvieren, sollte weiter ausgebaut werden, um mehr Studierenden die Allgemeinmedizin als eine attraktive Möglichkeit der Beraufsausübung näher bringen zu können.

Quelle: Pressemeldung Universitätsklinikum Heidelberg

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